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Es waren einmal...
... eine Halb-Elfin namens Nicobab und ein Riese namens Kalimath. Ihre Wege kreuzten sich in Icemule, einem kleinen Ort am Fuße der ewigen Gletscher im hohen Norden von Elanthia. Beide strebten den Beruf des Rogue an, um in der Zunft der Schurken und Meuchelmörder zu Ruhm und Ehren zu gelangen. Taschendiebe und Panzerknacker wollten sie werden, jeden Tag bequem auf dem Marktplatz sitzen, virtuos mit dem Dietrich hantieren und den Gutgläubigen unter ihren Mitcharakteren die Silberlinge aus den Börsen stibitzen. Ei, das würde ein Leben werden!
Dumm nur, dass jedes Handwerk gelernt werden will - und dass Lehrjahre, wie jeder weiß, keine Herrenjahre sind...
Die beiden zogen also aus in die umliegenden Wälder und Steppen, den Umgang mit Mantel und Degen und den Angriff aus dem Hinterhalt zu erlernen. Das war oft sehr aufregend: Kalimath neigte dazu, tollkühn auf alles einzustechen, was ihm vor seine Riesennase kam (wie viele seiner Mitriesen war er vermutlich ein bisschen kurzsichtig). Dabei unterschätzte er seine Gegner des öfteren so sehr, dass es böse für ihn ausging. Glücklicherweise war Nicobab meist dabei. Sie fluchte zwar, wenn sie seinen Riesenkadaver zum wiederholten Male aus einem elenden Loch zerren und zu einem Geistlichen schleifen musste, um ihn wiederbeleben zu lassen, aber sie hätte es nie übers Herz gebracht, ihn im Stich zu lassen. Und natürlich gab es auch genügend Gelegenheiten, bei denen Kalimath mit Nicobabs Leiche auf dem Arm in den Tempel eilte...
So erlebten sie kleine und große Abenteuer zusammen, unternahmen gefährliche Expeditionen, begegneten dabei vielen freundlichen und unfreundlichen Kreaturen, schlossen Freundschaft mit Kriegern, Hexenmeistern, Waldläufern, Zauberern und anderen Schurken - und verliebten sich ineinander.
Und dann beschlossen sie, das Phantasieland Elanthia zu verlassen und sich auf ihr waghalsigstes Abenteuer einzulassen: die Reise ins reale Leben.
Ja, so hat das damals alles wirklich angefangen, Mitte März 1998, in einem Online-Fantasy-Rollenspiel namens Gemstone III (Eingeweihte nennen diese nicht grafikgestützten Internetspiele "MUDs", d.h. Multi-User Dungeons, nach dem ersten populären Rollenspiel "Dungeons & Dragons". Bei uns in Deutschland war es u.a. "Der Zauberer vom Schwarzen Berg".)
Am 24. März schrieb ich (= Nicole, selbständige Sekretärin aus Berlin) meinem "Kalimath" (alias Greg, Totengräber aus Florida) die erste eMail, so nach dem Motto "Was machen die Alligatoren?" Daraus entwickelte sich binnen einer Woche eine intensive Brieffreundschaft.
Außerdem verbrachten wir soviel Zeit wie nur möglich mit Spielen - unsere längste Session dauerte einmal acht Stunden am Stück! Meine Telefonrechnungen nahmen (gemessen an meinem mageren Gehalt als Zeitarbeitskraft) astronomische Ausmaße an... 400 Mark und mehr waren eher die Regel als die Ausnahme. Internet-by-call gab es damals noch nicht, auch keine Provider wie Freenet und dergleichen.
Aber das war egal. Ich war süchtig. Nicht nach Surfen oder Chatten - nein: nach Abenteuern mit einem Mann, dem ich nur in einer Phantasiewelt begegnen konnte!
Ich ertappte mich dabei, morgens um sechs topfit aus dem Bett zu springen (dabei bin ich überhaupt kein Frühaufsteher!), sofort den Computer anzuschalten (normalerweise ist das erste morgens Kaffee kochen und Zähneputzen!) und meine eMailbox abzurufen. Und es verging kein Tag, an dem ich keine elektronische Post von ihm fand!
Wir tauschten ICQ- und AIM-Adressen aus. Da wurde es noch schlimmer: nun war ich schon früh um sieben Uhr online in der Hoffnung, noch ein paar Worte mit ihm wechseln zu können, ehe ich zur Arbeit und er ins Bett musste.
Es wurde wirklich unheimlich: wenn wir Gemstone spielten, sagten und taten wir (bzw. unsere Phantasiecharaktere) auffallend oft zur gleichen Zeit dasselbe.
Wir loggten uns trotz der siebenstündigen Zeitverschiebung zwischen Deutschland und Florida häufig zur gleichen Zeit ins Internet ein, manchmal sogar zur selben Minute.
Als er es einmal zu einer Online-Verabredung nicht schaffte und einfach nicht auftauchte, ging ich ins Bett - um drei Stunden später aufzuwachen mit dem bestimmten Gefühl, ich müsse mich sofort einwählen... und da war er auch schon, gerade erst vom Arbeiten nach Hause gekommen und sofort an den Computer gestürmt.
Irgendwas war da also im Gange.
Er drückte es Ende März so aus: "I feel we've touched in some way. Maybe it's minds that think along the same lines or souls that fight to stay in a world where most aren't what they want or should be."
Nur drei Tage (und seitenlange eMails) später fragte er mich: "What's happening to me? Is this happening to you? Have I become as important to you as you seem to have to me? ... I can't think of anything that would give me more pleasure than to actually look into your eyes once. Let's hope. A bridge across the Atlantic."
Wieder drei Tage später hatten wir verabredet, dass er mich im August zu meinem Geburtstag in Berlin besuchen kommen würde... und noch einmal drei Tage danach, am 6. April 1998, hatten wir den Besuchstermin auf den 9. Juni vorgezogen. Diese Internetaffäre beeinflusste unser beider Alltag so sehr, dass wir uns Klarheit verschaffen mussten, was wir im realen Leben füreinander sein wollten/könnten - und das so schnell wie nur irgend möglich.
Zu diesem Zeitpunkt hatten wir zwar weder Fotos ausgetauscht noch tatsächlich miteinander gesprochen, aber das holten wir nun nach: am Karfreitag 1998 (9. April) verabredeten wir uns für elf Uhr abends zum Telefonieren. Ich war vorher so nervös - schließlich hatte ich seit Jahren kein Englisch mehr gesprochen, nur geschrieben -, dass ich mich mit einer Freundin zum Essen traf und sie bat, mich ein paar Stunden abzulenken. Glücklicherweise tat sie das gern - und flößte mir bei der Gelegenheit einige Gläser Rotwein ein, damit ich nicht so nervös sei. Das half!
Ich kann mich zwar heute nicht mehr daran erinnern, was wir in diesem ersten Telefonat sagten, aber ich erinnere mich, dass wir viel miteinander lachen konnten und uns wie alte Freunde fühlten. Und mit dieser Einstellung fieberten wir beide dem 9. Juni entgegen: wir waren beste Freunde, und das wollten wir auch bleiben. Wir hofften natürlich beide, dass es mehr sein würde, aber das hing ja nicht zuletzt vom persönlichen Eindruck ab... und immer noch hatten wir keine Fotos voneinander.
Am 15. April fuhr er mit seinem Vater nach New Orleans, um seinen Reisepass abzuholen. An diesem Tag kam mein Päckchen mit Bildern und einem meiner Lieblingsbücher ("Der Prophet" von Khalil Gibran) bei ihm an. Die ganze Familie lauerte darauf, dass er endlich nach Hause käme, um es aufzumachen - und als er es tat, sparten sie nicht mit freundlichen Bemerkungen wie "Das kann sie gar nicht sein! Das ist bestimmt eine Freundin von ihr... oder ihre Schwester!" Zum Glück glaubte er das nicht eine Sekunde!
Ich musste auf seine Fotos noch eine Woche länger warten, aber dann bekam ich endlich Post und somit eine Idee, wie er aussah (nett!!!) - ich sage deshalb Idee, weil ich bis heute noch kein Foto von ihm gesehen habe, auf dem er tatsächlich so aussieht wie in Wirklichkeit (besser als auf Bildern!)... finde ich zumindest.
Ich weiß nicht, wie ich die Zeit bis zum 9. Juni hinter mich gebracht habe, ohne verrückt zu werden. Wir zählten die Tage, zum Schluss die Minuten. Meine Freunde und Familie betrachteten das Ganze nicht ohne Sorge. Sie sind es zwar gewöhnt, dass ich bisweilen etwas exzentrisch bin, aber das ging doch ein bisschen weit. Ich musste meiner Mutter versprechen, dass er die eine Woche zu ihr ins Gästezimmer ziehen würde, falls wir uns nicht verstehen würden. Und meiner beste Freundin Antje musste ich versprechen, dass in diesem Falle ich bei ihr übernachten und meine Wohnung (die nur ein Zimmer hat) ihm überlassen würde. Aber dazu kam es glücklicherweise nicht.
Am 9. Juni fuhr ich zum Flughafen Tempelhof, um ihn abzuholen. Bis dahin war ich erstaunlich gelassen gewesen... aber als die Anzeige kam, seine Maschine sei gelandet, wurde mir auf einmal ziemlich anders, und ich musste mich ganz schnell setzen! Was, wenn er nun doch nicht an Bord wäre??? Ich spähte und spähte, entdeckte aber niemanden, der so aussah wie er auf dem Foto. Zum Glück erkannte er mich sofort und kam auf mich zu, nachdem er nach gut 20 Minuten endlich sein Gepäck hatte. Da war mir vor Aufregung schon so flau zumute, dass ich ihm nur um den Hals fallen und sagen konnte: "What took you so long?!" Und wir hatten auch gleich wieder was zu lachen, als wir nämlich feststellen mussten, dass wir uns bei der Umrechnung unserer Körpergröße von Inches in Zentimeter und umgekehrt etwas vertan hatten - und ich ihn um ca. drei Zentimeter überragte!
Das war also unser erstes Zusammentreffen im realen Leben. Ich muss gestehen, dass ich zu Anfang einige Schwierigkeiten hatte, meine verschiedenen Eindrücke von ihm (aus dem Fantasy-Spiel, den eMails und vom Telefon) so zu vereinen, dass eine ganze Person daraus wurde. Aber das dauerte nur einige wenige Stunden. Dann waren wir so vertraut miteinander, als würden wir uns schon lange persönlich kennen.
Ende September des gleichen Jahres flog ich für zwei Wochen nach Florida, um ihn zu besuchen und seine Familie kennenzulernen (das wäre beinahe an dem schweren Hurrikan gescheitert, der kurz vorher über Pensacola hinwegging; noch einen Tag vor meinem Abflug war dort der Flughafen gesperrt!).
Schon vorher hatten wir geplant, dass ich in1999 ein halbes Jahr bei ihm leben würde, um unsere Beziehung ernsthaft zu testen. Bis dahin stand uns eine lange Wartezeit bevor: von Mitte Oktober bis Mitte April. Sechs Monate! Schrecklich!!!
Glücklicherweise wusste ich, was er nicht wusste - dass ich ihn nämlich zu seinem Geburtstag im November besuchen wollte... mit meiner Mutter im Schlepptau, die ihn bei seinem Besuch in Berlin kennengelernt und liebgewonnen hatte. Seine Mom weihte ich natürlich ein... und letztendlich wusste die ganze Familie davon. Nur er ahnte nicht das geringste :-)
So war es eine sehr gelungene Überraschung, als ich am 23. November 1998 bei ihm anklopfte, den Kopf durch die Tür steckte und sagte: "Ich glaube, wir haben eine Verabredung!" - Die hatten wir auch. Online!!

Um das Ganze abzukürzen: es verlief alles nach Plan. Ich bekam anstandslos mein Halbjahresvisum für die USA, er kaufte ein Haus (zuvor hatte er mit seiner kleinen Tochter und seinem ältesten Sohn bei seinen Eltern gewohnt), wir zogen dort Mitte April ein, rauften uns sechs Monate lang zusammen, hatten anschließend viele klärende eMails auszutauschen, ich flog zu Weihnachten 1999 nochmal zu ihm - und bekam das schönste Weihnachtsgeschenk, als er am 28. Dezember überraschend mit zurückflog nach Berlin, um hier mit mir und meinen Freunden Silvester zu feiern... und mir einen Heiratsantrag zu machen.
Am 12. Mai 2000 haben wir dann in Florida geheiratet. Nun bin ich mit einer Menge Behördengänge beschäftigt, denn im September will ich in die USA ziehen und das macht sich besser mit einem Einwanderungsvisum. Aber auch in dieser Hinsicht haben wir wieder mal Glück: bei meiner Rückkehr nach unserer Heirat am 16. Mai fand ich eine Mitteilung vom US-Visadienst vor, dass ich in der Greencard-Lotterie einen Schritt weitergerückt und Mitte Juli zum Interview in die amerikanische Botschaft nach Frankfurt geladen sei. So heißt es also jetzt Papierkrieg ohne Ende bewältigen, medizinische Untersuchungen und Impfungen über mich ergehen lassen, diverse Übersetzungen anfertigen, Kopien machen, einen neuen Pass beantragen etc., etc., etc. Aber was wäre das Leben ohne Herausforderungen und Hindernisse??
Ich erlebe immer wieder, dass es die schwierigen Situationen und Spannungen in unserer Beziehung sind, die uns einander näher bringen, uns wachsen und reifen lassen. Wir sind beide sehr verschieden und in vieler Hinsicht durchaus nicht einer Meinung, aber darin sind wir uns einig: dass wir uns hundertprozentig aufeinander verlassen können, dass für uns beide Treue und Respekt in einer Beziehung unentbehrlich sind und dass Kommunikation unser stärkster Punkt ist. Durch Worte haben wir einander kennen- und liebengelernt, und solange wir miteinander reden können, gibt es keine Herausforderung, der wir uns nicht gewachsen fühlen.
The E... nein:
The Beginning!